Grounded Theory — Schritt für Schritt
Offenes, axiales und selektives Kodieren — eine Methode, die Theorie aus Daten entstehen lässt
2026-04-24 · Lesezeit: ca. 12 Minuten
Abstract
Die Grounded Theory ist kein Auswertungsverfahren, sondern ein Forschungsstil, der aus der Soziologie der 1960er-Jahre stammt und bis heute in qualitativen Arbeiten verbreitet ist. Ihre Logik: Datenerhebung und Datenanalyse laufen ineinander. Aus den Daten werden Konzepte gewonnen, diese werden verdichtet, verglichen und am Ende zu einer gegenstandsbezogenen Theorie verknüpft. Dieser Artikel führt durch die drei Kodierphasen, erklärt das theoretische Sampling und die Sättigung und zeigt, wo die Methode in Abschlussarbeiten überfordert.
Ursprung und Varianten
Die Grounded Theory geht auf Barney Glaser und Anselm Strauss zurück, die 1967 mit »The Discovery of Grounded Theory« das Verfahren begründeten. Ihre gemeinsame Arbeit entstand aus einer Studie über das Sterben in Krankenhäusern — ein Gegenstand, zu dem damals keine passende Theorie existierte und für den die beiden ein induktives, dicht am Material arbeitendes Vorgehen entwickelten.
Glaser und Strauss entwickelten sich später auseinander. Die heute dominante Lesart, die über das Lehrbuch von Strauss und Juliet Corbin verbreitet wurde, betont den strukturierten Charakter der Methode, explizite Kodierschritte und ein Kodierparadigma für das axiale Kodieren. Die glaserianische Variante hält dagegen stärker an der offenen, am Material orientierten Entdeckungslogik fest und warnt vor einer zu starken Strukturierung. Beide Linien sind in der qualitativen Forschung anerkannt, mit der straussianischen Variante als häufigster Ausgangspunkt für studentische Arbeiten.
Neben den beiden klassischen Linien gibt es eine dritte Entwicklung, die sich mit Kathy Charmas konstruktivistischer Grounded Theory verbindet. Sie betont, dass die Theorie nicht einfach aus den Daten »auftaucht«, sondern in der interpretativen Arbeit der Forschenden konstruiert wird. Für Abschlussarbeiten ist die Wahl zwischen den Varianten selten entscheidend; wichtiger ist, dass die gewählte Variante im Methodenkapitel benannt und begründet wird.
Drei Kodierphasen
Das Kernhandwerk der Grounded Theory liegt in drei aufeinander aufbauenden Kodierphasen. Offenes, axiales und selektives Kodieren sind keine strikt getrennten Schritte, sondern Schwerpunkte, die sich in der Praxis überlappen.
Offenes Kodieren ist die erste Auseinandersetzung mit dem Material. Texte werden Zeile für Zeile oder Segment für Segment durchgegangen, und jeder bedeutungsvollen Passage wird ein Kode zugewiesen. Diese Kodes sind zunächst nah am Material — gelegentlich sogar Originalausdrücke aus dem Interview (»In-vivo-Kodes«). Das Ziel ist Offenheit: Noch keine Vorabentscheidung über wichtig oder unwichtig, sondern ein dichtes Netz von Konzepten, das den Zugang zum Material ermöglicht.
Axiales Kodieren beginnt, wenn sich erste Muster abzeichnen. Kodes werden zu Kategorien zusammengefasst, Kategorien werden zueinander in Beziehung gesetzt. Eine häufige Hilfestellung in der straussianischen Variante ist das Kodierparadigma mit sechs Fragen: Welches Phänomen wird beschrieben? Unter welchen Bedingungen? In welchem Kontext? Mit welchen Handlungsstrategien? Mit welchen intervenierenden Faktoren? Mit welchen Konsequenzen? Nicht jedes Phänomen muss alle sechs Dimensionen enthalten, aber die Fragen strukturieren die Analyse.
Selektives Kodieren schließt die Analyse ab. Eine Kernkategorie wird identifiziert — das Phänomen, um das sich die anderen Kategorien gruppieren —, und die Theorie wird um diese Kernkategorie herum ausformuliert. Die Theorie besteht nicht aus einer einzelnen These, sondern aus einer Reihe von Aussagen über Zusammenhänge zwischen Kategorien, die gemeinsam das untersuchte Phänomen erklären.
Theoretisches Sampling
In klassischen quantitativen Designs wird die gesamte Stichprobe vorab festgelegt und gezogen; erst dann beginnt die Analyse. In der Grounded Theory ist das anders. Datenerhebung und Auswertung laufen parallel, und die nächsten Fälle werden aufgrund der bisherigen Analyseergebnisse ausgewählt — das ist theoretisches Sampling.
Ein konkretes Muster: Die ersten Interviews mit Kindergartenleiter*innen zeigen, dass »Elternkommunikation« als zentrales Thema hervortritt. Die nächsten Interviews werden gezielt mit Personen geführt, die extreme Ausprägungen zeigen — etwa Leitungen mit besonders intensivem oder besonders distanziertem Kontakt zu Eltern. Das schärft die Theorie an den Rändern. Später werden Interviews mit Erzieher*innen ohne Leitungsfunktion ergänzt, um die Struktur aus einer anderen Perspektive zu sichern.
Für studentische Arbeiten ist das theoretische Sampling oft eine Herausforderung — nicht methodisch, sondern praktisch. Die parallele Datenerhebung und -auswertung verlangt einen längeren Zeitraum, als in einer 12-Wochen-Bachelorarbeit realistisch ist. Eine pragmatische Lösung: Das erste Drittel der Interviews wird klassisch geplant, die verbleibenden zwei Drittel werden nach den ersten analytischen Befunden ausgewählt. Diese Hybrid-Lösung wird in der Methodenliteratur akzeptiert, wenn sie transparent dokumentiert ist.
Memo-Writing
Parallel zur Kodierung entstehen Memos — kurze analytische Notizen, in denen die Forscherin Gedanken, Hypothesen und Beobachtungen zu Kategorien und Zusammenhängen festhält. Memos sind kein Nebenprodukt, sondern zentral für die Theoriebildung. Sie bündeln die konzeptionelle Arbeit, die zwischen den einzelnen Kodierstellen entsteht.
Ein Memo kann zu einer Kategorie geschrieben werden (»Was ist eigentlich gemeint mit Elternkommunikation? Welche Varianten zeigen sich?«), zu einer Beziehung zwischen Kategorien (»Wie hängt Elternkommunikation mit Stresserleben zusammen?«) oder zu einem methodischen Punkt (»Warum greife ich beim zweiten Interview seltener zu dem Kode X?«). Die Memos bilden am Ende einen wesentlichen Teil der Vorlage für das Ergebniskapitel.
In der Software (MAXQDA, ATLAS.ti) lassen sich Memos direkt an Textstellen, Kodes oder Kategorien anheften. Wer ohne Software arbeitet, verwendet ein separates Dokument — ein Logbuch mit Datum, Bezug und freier Notiz. Typische Länge eines Memos: zwischen einer halben Seite und drei Seiten.
Theoretische Sättigung
Die Grounded Theory hat kein festes Stichprobenziel. Abbruchkriterium ist die theoretische Sättigung: der Punkt, an dem zusätzliche Daten keine neuen Konzepte, Kategorien oder Beziehungen mehr liefern. Das klingt unscharf und ist in der Praxis tatsächlich eine Ermessensfrage. Hilfreiche Indikatoren: Die letzten Interviews fügen dem Kategoriensystem nichts Neues hinzu; die Kernkategorie ist in mehreren Fällen bestätigt; die Bedingungen, unter denen Variationen auftreten, sind systematisch erfasst.
Für Bachelor- und Masterarbeiten wird Sättigung oft vor dem Hintergrund praktischer Grenzen erreicht. Zehn bis zwanzig Interviews sind eine gängige Größenordnung; bei sehr homogenen Samples kann Sättigung schon nach sechs bis acht Interviews eintreten, bei heterogenen Feldern sind dreißig oder mehr nötig. Das Methodenkapitel sollte benennen, woran die Sättigung festgemacht wird, und die Grenzen der Sättigung selbstkritisch diskutieren.
Anwendungsfelder und Abgrenzung
Die Grounded Theory ist in der Soziologie, Erziehungswissenschaft, Pflegewissenschaft und in Teilen der Psychologie verbreitet. Sie eignet sich besonders dort, wo bestehende Theorien nicht ausreichen — neue soziale Phänomene, wenig erforschte Zielgruppen, Umbruchsituationen. Eine Masterarbeit zur Integration ukrainischer Geflüchteter im deutschen Schulsystem kann von einer Grounded-Theory-Logik profitieren, weil das Phänomen zu neu ist, als dass passgenaue Theorien existieren.
Die Abgrenzung zur qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ist nicht trivial. Mayrings Methode strukturiert das Material anhand eines Kategoriensystems; die Grounded Theory entwickelt eine Theorie aus dem Material heraus. In der Praxis lassen sich manche Arbeiten auch als »Mayring mit induktiver Kategorienbildung« beschreiben — der Unterschied zur Grounded Theory liegt dann vor allem im Ziel (Beschreibung versus Theorie) und im Verhältnis zum theoretischen Sampling.
Zu den klassischen Anwendungsfeldern zählt die Pflegeforschung, in der Grounded-Theory-Arbeiten zu Themen wie Schmerzbewältigung, Übergang zwischen Pflegeformen oder Umgang mit chronischen Erkrankungen eine lange Tradition haben. Auch in der deutschen Erziehungswissenschaft ist die Methode nach wie vor populär, insbesondere bei Fragen des informellen Lernens und pädagogischer Deutungsmuster.
Konstanter Vergleich
Ein methodisches Prinzip, das in allen Phasen der Grounded Theory greift, ist der konstante Vergleich. Jedes neue Datum wird gegen das bisher kodierte Material gehalten: Ähnelt es einer bestehenden Kategorie oder fällt es heraus? Welche Unterschiede innerhalb derselben Kategorie zeigen sich zwischen verschiedenen Fällen? Welche Kategorien treten gemeinsam auf, welche schließen sich aus?
Der konstante Vergleich ist das Werkzeug, mit dem aus einer dichten Beschreibung eine Theorie wird. Er zwingt dazu, Kategorien nicht nur zu benennen, sondern ihre Grenzen, Varianten und Beziehungen zu prüfen. In der Praxis geschieht das fortlaufend während der Kodierung und verdichtet sich in den Memos. Für Abschlussarbeiten ist es ein nützlicher Selbstcheck, am Ende jeder Analysephase zu prüfen: Habe ich die Kategorien wirklich miteinander verglichen, oder nur einzeln beschrieben?
Typische Probleme
Literaturarbeit wird nachgeholt. Glaser und Strauss empfahlen ursprünglich, die Literatur zum Thema erst nach der Datenauswertung durchzuarbeiten, um unvoreingenommen zu bleiben. Diese Position ist heute umstritten; viele Methodenwerke plädieren für eine begleitende Literaturarbeit. Für Abschlussarbeiten ist die reine Variante kaum umsetzbar — die Literatur gehört zum Exposé, das wiederum vor der Datenerhebung steht. Wichtig ist, die Literatur als Sensibilisierung zu nutzen, nicht als Vorentscheidung.
Kodieren ohne Abstraktion. Ein häufiger Anfängerfehler: Kodes bleiben rein deskriptiv, nahe am Material, ohne je in abstraktere Konzepte überführt zu werden. Das Ergebnis sind fünfzig Textpassagen mit Etiketten und keine Theorie. Das axiale Kodieren ist der Schritt, an dem Abstraktion stattfindet — wer diesen Schritt nicht ernst nimmt, bleibt in der Beschreibung hängen.
Zu große Datenmengen. Grounded Theory verlangt intensive Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Text. Wer 40 Interviews erhebt, bekommt zwar Material, aber selten Zeit für die Tiefe der Analyse, die die Methode verlangt. Für Bachelorarbeiten sind acht bis zwölf gründlich analysierte Interviews meist wertvoller als zwanzig oberflächlich bearbeitete.
Fehlende Theorie am Ende. Im schlimmsten Fall mündet eine Grounded-Theory-Arbeit in einer ausführlichen Beschreibung von Kategorien, ohne dass daraus eine Theorie wird. Der Unterschied: Eine Theorie formuliert Zusammenhänge (»Unter Bedingung X führt Handlung Y zu Konsequenz Z«), nicht nur die Existenz von Phänomenen.
Dokumentation und Nachvollziehbarkeit
Weil die Grounded Theory starken interpretativen Charakter hat, ist die Dokumentation des Vorgehens besonders wichtig. Ein Methodenkapitel, das sich auf »Ich habe nach Grounded Theory gearbeitet« beschränkt, gibt der Prüferin keinen Anhaltspunkt, wie die Theorie entstanden ist. Erwartet wird — und in der Methodenliteratur auch eingefordert — ein detailliertes Vorgehen: Welche Variante (Glaser, Strauss/Corbin, Charmaz)? Wie sind die Fälle ausgewählt worden? Welche Kodes sind in welcher Phase entstanden? Welche Kernkategorie hat sich herauskristallisiert, und aufgrund welcher Überlegungen?
Hilfreich ist ein methodisches Tagebuch oder Forschungsjournal, das parallel zur Arbeit geführt wird und Entscheidungen festhält. Es dient im Methodenkapitel als Datenbasis für die Darstellung des Vorgehens und im Endeffekt auch als Schutz gegen den Eindruck, die Theorie sei einfach vom Himmel gefallen. Auszüge aus dem Tagebuch oder ausgewählte Memos im Anhang erhöhen die Transparenz zusätzlich.
Zusammenfassung
Die Grounded Theory ist ein iterativer Forschungsstil: Datenerhebung und Analyse laufen parallel, Kategorien werden schrittweise verdichtet, eine Theorie entsteht aus dem Material. Drei Kodierphasen — offen, axial, selektiv — strukturieren die Arbeit. Theoretisches Sampling steuert die weitere Datenerhebung, Memos halten analytische Gedanken fest, theoretische Sättigung markiert den Abschluss. Für studentische Arbeiten ist der zeitliche und methodische Anspruch hoch; wer sich darauf einlässt, gewinnt einen Zugang, der bei wenig erforschten Phänomenen anderen Methoden überlegen ist.
Unterstützung beim Kodieren, bei Memo-Writing oder bei der Strukturierung Ihrer Grounded-Theory-Analyse?
Kostenlos anfragen WhatsApp →