Verbindungswörter im wissenschaftlichen Deutsch
Konnektoren nach Funktion — Nuancen, Stilfragen und Beispielsätze
2026-04-24 · Lesezeit: ca. 10 Minuten
Abstract
Verbindungswörter — in der Linguistik Konnektoren genannt — tragen die Argumentationslogik eines wissenschaftlichen Textes. Sie zeigen, wie zwei Aussagen zusammenhängen: ob die zweite zeitlich folgt, eine Begründung gibt, eine Folgerung darstellt, einen Widerspruch markiert oder eine Bedingung formuliert. Wer Konnektoren beherrscht, schreibt klarer; wer sie monoton verwendet, ermüdet die Leserin schon nach drei Seiten. Dieser Artikel sortiert das Feld nach Funktionen, listet die wichtigsten Kandidaten je Kategorie, klärt die feinen Bedeutungsunterschiede zwischen scheinbaren Synonymen wie »daher«, »deshalb«, »folglich« und »somit« — und zeigt die typischen stilistischen Fehler.
Warum Verbindungswörter wichtig sind
Ein wissenschaftlicher Text besteht nicht aus Sätzen, sondern aus Argumentationen. Was die einzelnen Sätze zur Argumentation verbindet, sind ihre logischen Beziehungen — und diese werden sprachlich durch Konnektoren markiert. Ohne sie zerfällt der Text in eine Aufzählung beliebiger Behauptungen.
Ein Beispiel macht das anschaulich. Vergleichen Sie die beiden Versionen desselben Inhalts:
Ohne Konnektoren: Die Studie zeigt einen Anstieg der Variable Y. Die Variable X wurde erhöht. Die Korrelation ist signifikant. Andere Erklärungen sind möglich.
Mit Konnektoren: Die Studie zeigt einen Anstieg der Variable Y, nachdem die Variable X erhöht wurde. Die Korrelation ist signifikant; jedoch sind andere Erklärungen möglich.
Die zweite Version sagt nicht mehr, aber sie sagt es klarer. Die Konnektoren »nachdem« und »jedoch« machen die Beziehungen zwischen den Aussagen explizit — Reihenfolge im ersten Fall, Einschränkung im zweiten. Diese Explizitheit ist das Markenzeichen wissenschaftlichen Schreibens.
Fünf Funktionskategorien
Die fünf Kategorien decken den Großteil aller Beziehungen ab, die wissenschaftliche Argumentation braucht. Daneben gibt es weitere — final (Zweck: »um zu«, »damit«), modal (Art und Weise: »indem«, »dadurch dass«), konzessiv (eingeräumter Gegensatz: »obwohl«, »obgleich«). Wer die fünf Hauptkategorien beherrscht, hat aber das Werkzeug für 90 Prozent aller Verknüpfungen.
Feine Unterschiede: »daher«, »deshalb«, »folglich«, »somit«, »mithin«
Ein wiederkehrender Stolperstein sind die scheinbar synonymen konsekutiven Konnektoren. Sie markieren alle eine Folgerung, unterscheiden sich aber in Nuance und Register.
Daher ist neutral und vielseitig. Es funktioniert in fast jedem Kontext und ist die unkomplizierteste Wahl. »Die Daten waren unvollständig; daher wurde die Auswertung beschränkt.«
Deshalb ist ähnlich, etwas alltagsnäher und enger an einer kausalen Begründung. Im wissenschaftlichen Text wirkt es manchmal eine Spur zu mündlich. »Die Probanden wurden geschult; deshalb konnten Verständnisprobleme reduziert werden.«
Folglich markiert eine logisch zwingende Schlussfolgerung. Es signalisiert, dass die Aussage aus dem Vorherigen notwendig hervorgeht — nicht nur damit verträglich ist. »Alle Probanden zeigten die Reaktion; folglich kann die Hypothese als bestätigt gelten.«
Somit ist gehoben und etwas formeller als »daher«. Es passt in der Diskussion und im Fazit, wo die argumentative Konsequenz betont werden soll. »Die Befunde stützen die Hypothese; somit ist eine Erweiterung des theoretischen Modells gerechtfertigt.«
Mithin ist ausgesprochen formell und in der Wissenschaftssprache vor allem in den Geisteswissenschaften und in der Jurisprudenz verbreitet. Es klingt akademisch, wirkt aber in zu hoher Frequenz schnell affektiert. Sparsam einsetzen.
Die Nuancen sind fein, aber sie machen den Unterschied. Ein Text, der zwölfmal »deshalb« sagt, wirkt mündlich. Ein Text, der zwölfmal »mithin« sagt, wirkt prätentiös. Ein Text, der die Konnektoren funktional wechselt, klingt souverän.
Stilistische Abstufungen
Konnektoren tragen Stilebenen mit. Drei Register lassen sich grob unterscheiden.
Neutral wissenschaftlich sind: »daher«, »jedoch«, »weil«, »wenn«, »nachdem«, »darüber hinaus«, »gleichzeitig«. Diese Konnektoren funktionieren in jedem Fachtext und fallen weder positiv noch negativ auf. Sie sind die Arbeitspferde des wissenschaftlichen Stils.
Gehoben wissenschaftlich sind: »indes«, »gleichwohl«, »mithin«, »indessen«, »hingegen«, »angesichts dessen«. Diese Konnektoren passen in argumentativ dichte Passagen — etwa in der Diskussion oder in einer theoretischen Auseinandersetzung. In zu hoher Dichte wirken sie steif.
Eher umgangssprachlich sind: »aber«, »weil« (am Satzanfang), »dann«, »so«. Sie sind nicht falsch, aber in der Hauptlast eines wissenschaftlichen Textes wirken sie informell. Eine bewusste Auswahl — »jedoch« statt »aber« in der schriftlichen Argumentation — hebt das Register an, ohne aufgesetzt zu wirken.
Typische Fehler
Vier Fehler treten in studentischen Texten besonders häufig auf.
»Jedoch« in jedem zweiten Satz. Ein klassisches Symptom des Schreibens unter Druck. Der Konnektor wird zur Allzweckwaffe, mit der jede Verbindung gebaut wird — auch dort, wo gar kein Gegensatz vorliegt. Faustregel: Wenn »jedoch« in einer Seite mehr als zweimal auftaucht, ist mindestens eines davon ein Notnagel.
»Aber« als wissenschaftlicher Hauptkonnektor. »Aber« ist umgangssprachlich tauglich, wirkt im Fließtext aber wie ein Bruch. In wissenschaftlichen Texten ersetzt »jedoch«, »allerdings« oder »indes« das »aber« an den meisten Stellen.
»Welche« als Standard-Relativpronomen. Im Bemühen um Eleganz greifen viele Studierende zu »welche« statt »die«. Das wirkt umgekehrt steif und veraltet. Die zeitgenössische Wissenschaftssprache nutzt »die«, »der«, »das« — »welche« kommt nur dann zum Einsatz, wenn die Bezugsklarheit es verlangt.
Konnektor-Lücke. Sätze stehen nebeneinander, ohne dass die logische Beziehung markiert wird. Die Leserin muss raten, wie die Aussagen zusammenhängen. Eine bewusste Konnektoren-Setzung schließt diese Lücken — und macht die Argumentation explizit.
Gute und schlechte Beispielsätze
Drei kurze Vorher-Nachher-Beispiele zeigen, wie die richtige Konnektoren-Wahl die Wirkung verändert.
Vorher: Die Methode wurde gewählt. Sie hat Vor- und Nachteile. Sie ist in der Forschung etabliert. Sie passt zur Forschungsfrage.
Nachher: Die Methode wurde gewählt, weil sie in der Forschung etabliert ist und zur Forschungsfrage passt. Sie hat jedoch Vor- und Nachteile, die im Folgenden zu erörtern sind.
Vorher: Die Theorie ist verbreitet. Sie hat Schwächen. Andere Theorien sind detaillierter. Diese werden hier nicht behandelt.
Nachher: Die Theorie ist verbreitet, hat allerdings Schwächen. Andere Theorien sind zwar detaillierter, werden hier aber aus Platzgründen nicht behandelt.
Vorher: Die Daten wurden erhoben. Die Auswertung folgte. Die Hypothese wurde geprüft. Sie wurde bestätigt.
Nachher: Nachdem die Daten erhoben waren, folgte die Auswertung. Die Hypothese wurde geprüft und schließlich bestätigt.
Wann auf Konnektoren verzichten?
Eine letzte Regel: Manchmal ist die beste Verbindung gar keine. Zwei kurze, kraftvolle Sätze nebeneinander erzeugen mehr Spannung als ein zusammengebundener Schachtelsatz. In der Wissenschaft ist diese Stilfigur seltener als in der Belletristik, kommt aber vor — vor allem in pointierten Schlussabsätzen oder Hervorhebungen.
Auch beim Aufzählen verzichtet man auf Konnektoren zwischen den Aufzählungspunkten — sie würden den parataktischen Charakter zerstören. »Erstens, zweitens, drittens« ersetzt jede ausgeschriebene Konnektor-Kette.
Die Faustregel: Konnektoren sind Werkzeuge, keine Pflicht. Wer sie einsetzt, weil sie etwas markieren, schreibt klar. Wer sie einsetzt, um Sätze flüssiger wirken zu lassen, ohne dass eine Beziehung besteht, schreibt schwammig.
Zusammenfassung
Verbindungswörter sind die Argumentationsscharniere wissenschaftlicher Texte. Fünf Funktionskategorien — temporal, kausal, konsekutiv, adversativ, konditional — decken die meisten Verbindungen ab. Innerhalb der Kategorien gibt es feine Bedeutungs- und Registerunterschiede; »daher« und »mithin« sind nicht austauschbar. Typische Fehler — Inflation von »jedoch«, umgangssprachliches »aber«, steifes »welche« und fehlende Konnektoren überhaupt — lassen sich vermeiden, wenn die Funktion bewusst gewählt wird. Die richtige Konnektoren-Wahl macht aus einer Folge von Sätzen eine Argumentation. Wer das beherrscht, schreibt nicht mehr, aber deutlich klarer. Eine Übersicht zur stilistischen Variation der Satzanfänge ergänzt diesen Beitrag im Artikel zu Satzanfängen.
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