Wissenschaftlich schreiben — Grundregeln und häufige Fehler
Zehn Stilmerkmale und zehn Vorher-Nachher-Beispiele aus der Schreibpraxis
2026-04-24 · Lesezeit: ca. 12 Minuten
Abstract
Wissenschaftliches Schreiben ist nicht das Gegenteil von gutem Schreiben — es ist eine besondere Form davon. Die Erwartungen an einen wissenschaftlichen Text sind klar definiert: präzise, nachvollziehbar, sachlich, in der Argumentation kohärent. Der Stil dient diesen Anforderungen, ist aber keine Selbstverleugnung der Sprache. Wer wissenschaftlich schreiben will, braucht nicht möglichst kompliziert zu formulieren — er braucht eine bewusste Sprache, die das Argument trägt. Dieser Artikel beschreibt zehn zentrale Merkmale wissenschaftlichen Stils, klärt die häufigen Streitfragen (»ich« oder nicht? Aktiv oder Passiv?) und führt zehn Vorher-Nachher-Beispiele aus der typischen Schreibpraxis vor. Wer die Grundregeln beherrscht, schreibt nicht nur korrekter, sondern auch leichter.
Was wissenschaftlicher Stil leistet
Ein wissenschaftlicher Stil hat zehn zentrale Merkmale, die in einer reifen Arbeit alle gleichzeitig wirken. Sie sind keine Schikane, sondern Folge der Aufgabe — eine Argumentation darzustellen, die intersubjektiv nachvollziehbar ist und sich gegen Einwände behaupten kann.
Persönliche Pronomen — »ich« oder nicht?
Eine Streitfrage, die jede Generation neu stellt: Darf in einer wissenschaftlichen Arbeit »ich« stehen? Die klassische Antwort der deutschen Universität war: Nein, nie. Die moderne Antwort ist: Es kommt darauf an.
Im englischsprachigen Wissenschaftsbetrieb ist »I« seit langem üblich, gerade in den Sozialwissenschaften und in der qualitativen Forschung — wo die Forscherposition reflektiert werden muss, wäre die Vermeidung des »I« sogar irreführend. Auch in der deutschen Hochschulpraxis hat sich die Lage gelockert: Viele Lehrstühle, vor allem in den Sozial- und Erziehungswissenschaften, erlauben oder begrüßen »ich« in der Einleitung und der methodischen Reflexion. In den klassischen Geisteswissenschaften und in der traditionellen Wirtschaftswissenschaft bleibt die Vermeidung des »ich« hingegen Standard.
Praktische Empfehlung: Im Lehrstuhl-Skript nachsehen oder bei der Betreuerin nachfragen. Ist »ich« erlaubt, sparsam einsetzen — vor allem bei methodischen Entscheidungen (»Ich entschied mich für eine qualitative Inhaltsanalyse, weil …«) oder reflexiven Passagen. Ist es nicht erlaubt, gibt es genug Alternativen: Passivkonstruktionen (»In dieser Arbeit wurde …«), Nominalkonstruktionen (»Die methodische Wahl fiel auf …«) oder die Verlagerung auf das Forschungsobjekt (»Die Studie zeigt …«).
Die alte Regel »niemals ich« ist überholt; die neue Regel »ich, wenn passend« ist nicht beliebig. Die »Wir«-Form (sogenanntes Pluralis Modestiae) ist in deutschen Bachelor- und Masterarbeiten meist unpassend — sie suggeriert eine Forschungsgruppe, die nicht existiert.
Aktiv vs. Passiv: die richtige Balance
Eine zweite Streitfrage: Aktiv- oder Passivformulierungen? Hier ist die Antwort eindeutig falsch verbreitet — viele Studierende gehen davon aus, wissenschaftlicher Stil bedeute Passiv. Das stimmt nur teilweise.
Das Passiv hat seine Berechtigung dort, wo der Handelnde unwichtig oder offensichtlich ist. »Die Daten wurden mit SPSS ausgewertet« — wer sie ausgewertet hat (vermutlich die Verfasserin selbst), ist hier zweitrangig. »Die Studie wird im Rahmen einer Promotionsarbeit erhoben« hat im Forschungsbericht eine Funktion.
Das Aktiv wirkt dagegen klarer und kürzer, wenn der Handelnde wichtig ist. »Müller (2023) untersucht die Effekte digitaler Lehre« ist besser als »Die Effekte digitaler Lehre werden untersucht (Müller 2023)«. Auch in der Diskussion der eigenen Befunde ist das Aktiv oft präziser: »Die Daten zeigen« statt »Es wird gezeigt«.
Eine Faustregel: Wenn Sie auf jeder Seite mehr als drei Passiv-Konstruktionen finden, ist die Balance kippig. Aktiv ist der Standard; Passiv ist die Ausnahme für bestimmte Funktionen.
Nominalstil reduzieren
Der Nominalstil ist die Verwendung von Substantiven dort, wo Verben präziser wären. »Die Durchführung der Erhebung erfolgte unter Verwendung eines standardisierten Fragebogens« sagt nichts, was »Die Erhebung wurde mit einem standardisierten Fragebogen durchgeführt« nicht klarer sagt — und letztere Variante ist drei Wörter kürzer.
Der Nominalstil entsteht, wenn aus Verben Substantive gemacht werden (»durchführen« → »Durchführung«) und sie dann mit blasseren Hilfsverben (»erfolgen«, »stattfinden«, »vornehmen«) verbunden werden. Das Ergebnis klingt akademisch, transportiert aber weniger Inhalt pro Wort.
Eine wirksame Korrekturstrategie: Im fertigen Text nach Wörtern auf »-ung«, »-keit«, »-heit«, »-tion« suchen. Wo immer möglich, in Verbalkonstruktionen umwandeln. Ein Beispiel: »Die Identifizierung der relevanten Determinanten erfolgte durch eine systematische Literaturrecherche« wird zu »Die relevanten Determinanten wurden durch eine systematische Literaturrecherche identifiziert« — schlanker, klarer.
Adjektiv-Inflation und Superlative vermeiden
Wissenschaftliche Sprache lebt von Substantiven und Verben, nicht von Adjektiven. Wer einen Text findet, in dem in jedem Satz drei Adjektive auftauchen, hat es vermutlich mit einem schwachen Argument zu tun, das durch sprachliche Verstärkung kompensiert wird.
Schwache Adjektive sind solche, die kein eigenes Bedeutungsgewicht tragen: »wichtig«, »bedeutsam«, »grundlegend«, »wesentlich«, »zentral«. Sie sind nicht falsch, aber leer. Wenn etwas »wichtig« ist, sollte begründet sein, warum — und dann ist das Adjektiv überflüssig. Wer eine bestimmte Theorie als »grundlegend« bezeichnet, sagt nichts. Wer sie als »erstmalige systematische Beschreibung des Phänomens« bezeichnet, sagt etwas.
Superlative sind in der Wissenschaft mit Vorsicht zu genießen. »Die wichtigste Theorie der Soziologie« ist eine Behauptung, die kaum belegbar ist. »Eine der einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts« ist schon vorsichtiger; »eine zentrale Theorie der modernen Soziologie« noch vorsichtiger. Differenzierung statt Superlativ ist der wissenschaftliche Reflex.
Fachsprache angemessen, nicht übertrieben
Fachsprache ist Pflicht — wo sie Präzision schafft. Wer in einer linguistischen Arbeit »Polysemie« meint, sollte nicht »Mehrdeutigkeit« sagen, weil die beiden Begriffe nicht ganz dasselbe bezeichnen. Wer in einer juristischen Arbeit »Tatbestand« meint, sollte nicht »Sachverhalt« sagen, weil das die Argumentation verschiebt.
Andererseits ist die übermäßige Verwendung von Fachvokabular oft ein Zeichen von Unsicherheit, nicht von Souveränität. Wer in jedem Satz drei Fachbegriffe einsetzt, erweckt den Eindruck, das Vokabular kompensiere fehlende inhaltliche Tiefe. Eine reife wissenschaftliche Arbeit setzt Fachbegriffe gezielt ein und erklärt sie bei der ersten Verwendung — auch dann, wenn die Leserschaft sie kennen sollte. Die Fremdwörter-Diskussion hat dazu mehr Detail.
Kohärenz durch Verbindungswörter
Was den Text vom Bündel paralleler Aussagen zur Argumentation macht, sind die Konnektoren — Verbindungswörter, die die logischen Beziehungen zwischen den Sätzen sichtbar machen. »Daher«, »jedoch«, »folglich«, »während«, »nachdem«, »sofern« sind nicht Stilfiguren, sondern Argumentationsscharniere.
Wer beim Korrekturlesen merkt, dass ein Absatz aus zusammenhanglosen Sätzen besteht, hat oft nicht zu wenige Konnektoren — sondern keine Argumentation. Konnektoren funktionieren nur, wenn die Aussagen tatsächlich in einer logischen Beziehung stehen. Wenn nicht, hilft kein »daher« — die Argumentation muss neu gedacht werden.
Zehn Vorher-Nachher-Beispiele
1. Vorher: Es wird angenommen, dass diese Theorie sehr wichtig ist.
Nachher: Diese Theorie prägt die Forschung seit den 1980er Jahren.
Was sich ändert: »Wichtig« wird durch eine prüfbare Aussage ersetzt.
2. Vorher: Die Durchführung der Befragung erfolgte unter Verwendung eines Fragebogens.
Nachher: Die Befragung wurde mit einem Fragebogen durchgeführt.
Was sich ändert: Nominalstil aufgelöst.
3. Vorher: Es ist evident, dass die signifikante Korrelation auf einen Effekt hindeutet.
Nachher: Die Korrelation ist statistisch signifikant (r = .42, p < .01) und deutet auf einen Effekt hin.
Was sich ändert: »Evident« weg, »signifikant« mit den dazugehörigen Werten konkret gemacht.
4. Vorher: Diese Erkenntnis ist äußerst bedeutsam und absolut grundlegend für die weitere Forschung.
Nachher: Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für drei laufende Forschungsprogramme.
Was sich ändert: Adjektiv-Inflation durch konkrete Information ersetzt.
5. Vorher: Welche bahnbrechenden Folgen das hat, kann gar nicht überschätzt werden.
Nachher: Die Folgen reichen von methodischer Innovation bis zur Revision zentraler Annahmen.
Was sich ändert: Pathos weg, Substanz dazu.
6. Vorher: In der Studie wurde herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt.
Nachher: Die Studie zeigt einen positiven Zusammenhang zwischen X und Y.
Was sich ändert: Aktiv statt Passiv, Konkretisierung der Aussage.
7. Vorher: Aufgrund des Umstands, dass die Daten unvollständig waren, konnte die Auswertung nicht in vollem Umfang durchgeführt werden.
Nachher: Wegen unvollständiger Daten musste die Auswertung beschränkt werden.
Was sich ändert: Schachtelsatz aufgelöst, Wortabsenz reduziert.
8. Vorher: Diese Theorie ist in höchstem Maße spannend und wirft tiefgreifende Fragen auf.
Nachher: Diese Theorie wirft drei zentrale Fragen auf, die im Folgenden bearbeitet werden.
Was sich ändert: Wertende Sprache (»spannend«) entfernt, Vorausschau geschaffen.
9. Vorher: Es lässt sich konstatieren, dass die Hypothese tendenziell als bestätigt anzusehen ist.
Nachher: Die Hypothese kann als bestätigt gelten.
Was sich ändert: Aufgeblähte Wendung gestrichen.
10. Vorher: Letztendlich kann man wohl sagen, dass die Sache komplex ist.
Nachher: Die Befunde lassen sich nicht auf eine einfache Formel reduzieren — sie zeigen drei zueinander spannungsvolle Effekte.
Was sich ändert: Floskel ersetzt durch konkrete Aussage.
Zusammenfassung als Checkliste
Die zehn Merkmale wissenschaftlichen Stils — Präzision, Sachlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Kohärenz, Belegpflicht, Distanz, Knappheit, Klarheit, Differenzierung, Konsistenz — wirken nur im Zusammenspiel. Wer einen Text korrekturliest, kann sie als Checkliste durchgehen:
› Sind die zentralen Begriffe präzise verwendet?
› Fehlen Wertungsadjektive und Pathos?
› Sind die Argumentationsschritte einzeln nachvollziehbar?
› Verbinden Konnektoren die Sätze logisch?
› Sind alle Aussagen über Allgemeinwissen belegt?
› Wird zwischen eigener und fremder Position klar getrennt?
› Lässt sich Wortabsenz reduzieren, ohne Substanz zu verlieren?
› Klingt der Text künstlich tief — oder ist er klar?
› Sind Aussagen mit Bedingungen und Grenzen versehen?
› Werden Begriffe konsistent verwendet?
Wer alle zehn Punkte beachtet, schreibt nicht nur korrekter, sondern auch lesbarer. Eine wissenschaftliche Arbeit ist kein Geheimwissen-Text mit eigenem Vokabular — sie ist eine Argumentation, die für ein qualifiziertes Publikum nachvollziehbar sein muss. Stil dient der Argumentation. Wenn die Argumentation klar ist, kann auch der Stil klar sein.
Schlussbemerkung
Wissenschaftliches Schreiben ist eine Handwerksaufgabe, keine Begabungsfrage. Wer die Grundregeln kennt, ein paar Korrekturschleifen einplant und den eigenen Text gegen die Checkliste hält, schreibt brauchbare Wissenschaftsprosa — auch ohne literarisches Talent. Was bleibt, ist die Übung; und was beim Üben hilft, sind konkrete Vorbilder. Lesen Sie die Aufsätze, die Sie zitieren möchten, mit einem zweiten Blick auf den Stil. Notieren Sie Wendungen, die Sie überzeugen. Bauen Sie sich einen kleinen persönlichen Stilkanon auf. Mit der Zeit wird die richtige Sprache zur Gewohnheit — und das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit zu einer Aufgabe, die nicht mehr durch das Wort, sondern durch das Denken verlangsamt wird. Das wäre der gewünschte Zustand.
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